Traust dich nicht (Kurzgeschichte)

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vom 12.08.2008

„Machs gut Kleiner. Und mach mir keine Schande.“ Tayfun grinst seinen großen Bruder verlegen an. „Werd ich schon nicht“, murmelt er und zeichnet mit der Schuhspitze Kreise in den Sand. „Mach du es auch gut“, ruft er ihm hinterher.

„Weißt du“, sagt er zu seinem Freund Bülent, „mein Bruder hat morgen seine mündliche Prüfung. Die ganze Familie ist total aus dem Häuschen. Ismail hier, Ismail da, der gute Ismail, der obergute Issi. Er macht Abitur. Mein Vater ist mächtig stolz auf seinen großen Sohn. Den ganzen Tag lernen - ein Vorbild sein. So ein Scheiß-Vorbild.“ Bülent und Tayfun schlendern langsam durch die Grünanlagen der Siedlung zum Kinderspielplatz.

Ein paar Jungen belagern die Bank. Rauchen betont lässig und werfen die Kippen in den Buddelkasten. Cool. „Heute Abend treffen wir uns an der alten Fabrik. Zecke hat einen alten Golf aufgetrieben. Das wird bestimmt geil. Kannst ja auch mal fahren“, Olli guckt Tayfun grinsend an, „wenn du dich traust.“

Tayfun hat nur Augen für Yvonne, besser gesagt für Yvonnes Busen. Sie sitzt wie eine Herrscherin zwischen den Jungen und betrachtet Tayfun von oben herab. „Was ist? Kommt ihr mit?“ „Klar“, sagt Tayfun ohne nachzudenken. „Klar kommen wir mit. Ist doch mal was anderes.“ „Bist du verrückt geworden?“, Bülent giftet seinen Freund an, „du weißt doch, dass die da nur Mist bauen. Ich denke, du kannst sie nicht leiden. Die wollen dich doch bloß vorführen. Und dann diese Yvonne mit ihren Tittchen, die macht sich nur lustig über dich. Sei kein Idiot. Mach es nicht.“ „Bist selber bloß zu feige. Geh doch gleich petzen. Am besten zu Issi. Dem oberguten Ismail. Das passt zu dir. Ein Kumpel willst du sein? Was guckst du so blöd?“ Bülent dreht sich schweigend um und geht.

Ein uralter Golf, rot, der Auspuff röhrt, noch dazu ein Diesel.

„Traust dich nicht, auf dem Dach mitzufahren.“ Zecke hat den Wagen kurzgeschlossen und versucht, den Motor anzulassen. Tayfuns Magen verwandelt sich in eine Sickergrube. „Auf jeden Fall mache ich das. Ist doch eine Kleinigkeit.“

„Na los, du Held, steig schon auf. Kannst dich am Gepäckträger festhalten.“

„Was??“

„Stell dich nicht so an. Das machen alle so.“

Yvonne betrachtet ihn ohne ein Wort zu sagen und schwingt sich auf einen alten Lastwagen ohne Räder. Dort sitzen schon wie auf einer Zuschauertribüne die anderen.

Tayfun gelingt es nur schwer, seine zitternden, schweißnassen Hände unter Kontrolle zu bringen, während er sich auf das Dach des Autos zieht. Wirklich zuverlässig wirkt der alte Gepäckträger nicht. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Er klammert sich an der Halterung fest und presst seinen Bauch auf das Blech. „So ein Polyp mit riesigen Saugnäpfen müsste man jetzt sein“, denkt er. „Kannst losfahren!“ Tayfun hofft, dass Yvonne das Zittern seiner Stimme nicht bemerkt.

„Hoffentlich streikt der Motor! Allmächtiger, ich flehe dich an, lass den Motor streiken!“ Der Motor röhrt auf, der Auspuff knattert. Das Auto setzt sich in Bewegung. So schlimm ist es ja gar nicht. Er hat das Gefühl zu fliegen. Im ersten Moment genießt Tayfun die Fahrt.

Zecke erhöht die Geschwindigkeit. Das ist sogar richtig gut. Tayfun kommt sich vor wie Superman. Wie ein großer Fisch hängt er in der Luft. Die Saugnäpfe lösen sich langsam vom Dach. Die Fahrt wird immer schneller.

Der Wind reißt an seinen Klamotten. Plötzlich spürt er, wie seine viel zu weite Hose langsam über die Hüfte rutscht. Er versucht, seinen Hintern so dick wie möglich zu machen, seinen Bauch rauszuschieben. Was, wenn die Hose wegfliegt? Na ja, spätestens an den Schuhen wird sie wohl hängen bleiben. Das beruhigt ihn ein wenig.

„Die Unterhose!“, schießt es ihm durch den Kopf. „Ich hab doch nicht etwa die  weiße Gerippte oder die mit dem Drachenmuster an? Auf keinen Fall soll Yvonne die Unterhose mit dem Drachenmuster sehen. Feuerspeiende Drachen auf dem Arsch. Das passt. Auf keinen Fall darf er loslassen. Seine Hände krallen sich am Gepäckträger fest. Jetzt fährt der Idiot eine Kurve. Tayfun ist nun selbst das Drachenmuster egal. Er hört auf zu denken. Zecke rast an dem Laster vorbei. Das Klatschen und Pfeifen der Zuschauer auf dem Laster lassen seine Kräfte wachsen. „Ist das gut!“

„Nein, nicht schon wieder die Kurve!“ Sein Körper wird nach rechts gedrückt. Die Füße finden keinen Halt. Mühsam zieht er sich wieder hoch.

Zecke dreht eine weitere Runde. Tayfun spürt, wie die Kraft aus seinem Körper gesaugt wird. Die Hände tun höllisch weh. „Halt an! Ist genug!“, brüllt er. Aber Zecke kann ihn nicht hören. Oder er will nicht. Ungebremst rauscht er an der Zuschauertribüne vorbei. Tayfun nimmt das Johlen und Kreischen nur entfernt wahr. Er fühlt sich wie auf einer mittelalterlichen Streckbank. Die Hände können ihn nicht mehr halten. „Lass los“,  denkt er, „lass einfach los. Ist doch alles egal.“

Mit einem Ruck schießt er plötzlich nach vorn und klatscht auf die Motorhaube. Ein lautes Krachen und Klirren. Der Golf knallt in Ismails Auto, das plötzlich mitten auf der Betonpiste steht. Bülent springt aus dem Wagen, zerrt Zecke vom Sitz und wirft ihn verächtlich auf den Boden.

„Tayfun, kleiner Bruder, was machst du denn für einen Scheiß?“ Tayfun war noch nie so froh, seinen großen Bruder zu sehen wie in diesem Moment. „War  echt geil, müsst ihr auch mal probieren“, sagt er mit Blick auf den Laster und zieht die Hose über den feuerspeienden Drachen auf seinem Hintern.

Die auf dem Lastwagen machen sich davon.