Berliner Woche

Berliner Woche Vergrößern...

vom 13.05.2009 11:05 Uhr - Kategorie: Presse

Lebendige Berliner Stadtgeschichte

Wenn Familienerinnerungen zur Stadtgeschichte werden

 

Reinickendorf. „Wir waren zwölf“ heißt das Buch, mit dem die Reinickendorfer Lehrerin Christa Nippe mit Hilfe ihrer Tante Hildegard  Schütt ein Erinnerungsband bis ins vorletzte Jahrhundert knüpft.

 

Wer  Hildegard  Schütt  in   ihrer  Wohnung in Prenzlauer Berg gegenüber sitzt, versteht, warum das Buch „Wir waren zwölf“ so schnell zu lesen ist. In dem Buch zeigt Christa Nippe, Biologie-Lehrerin und Jahrgangsleiterin an der Thomas-Mann-Gesamtschule, wie auf kurze Fragen Erinnerungsbilder entstehen, die das ausgehende 19. und das beginnende 20. Jahrhundert bis in die Katastrophe des Dritten Reichs auch für diejenigen anschaulich werden lassen,  die  lange  Zeit  danach geboren wurden.

 

Hildegard  Schütt    ist  jetzt  99 Jahre  alt.  Sie  sieht zwar nicht mehr  ganz  so gut   wie zu den Zeiten, als sie noch Zuschneiderin war. Doch reagiert ein lebendiger Geist auf jede Frage.

 

Christa Nippe hat mit Hilfe ihrer Tante ihre Familiengeschichte weiter erforscht und sie hat beim Aufschreiben auch ein lebendiges Stück Berliner Alltag gestaltet. Der begann im Herbst 1897 in Neurüdnitz im Oderbruch. Dort brachte Klara Maire ihre erste Tochter Hedwig am 8. September zur Welt.

 

Hedwig war das Ergebnis eines Besuchs von Johann Thalke aus der Weddinger Müllerstraße im Oderbruch. Die jungen Leute hatten gefeiert und sich dann im Stroh gewärmt.

 

Gefährliche Zeitläufe

 

Klara Maire machte sich auf nach Berlin und fand ihren Johann Thalke in der Weddinger Müllerstraße. Die beiden heirateten und hatten noch viele Kinder. Ob es elf oder zwölf waren, darüber wurde später in der Verwandtschaft gestritten. Christa Nippe lässt ihre Tante, die 1910 die Familie der Thalkes ergänzte, berichten, wie sich eine große, arme Familie durch gefährliche Zeitläufe durchschlägt. Da ist von 80 Kindern die Rede, die auf zwei Höfen spielen, und vom Essen in einer Armenküche. Auch wenn das Buch im Untertitel „Geschichten aus Berlin-Wedding“ heißt, streift die große Familie doch viele Gegenden der Metropole.

 

Sie ist nicht nur mit dem Überleben beschäftigt. Als die Nationalsozialisten die Macht ergreifen, engagieren sich Familienmitglieder im kommunistischen Widerstand. Später, und das könnte eine Fortsetzung des Buches werden, trifft sich die Familie aus Ost und West regelmäßig bei Tante Hildegard in deren Wohnung im Prenzlauer Berg und versucht so, die Teilung von Land und Familie zu umgehen. Ein Ergebnis dieser geretteten Einheit ist Christa Nippes Buch.                      CS

................................................

Christa Nippe: „Wir waren

zwölf – Geschichten aus Berlin Wedding“, Goethe Literaturverlag, Frankfurt/Main,

6,90 Euro, ISBN 978-3-8372-0091-1.

 

Berliner Woche  v. 13. Mai 2009